Die Leiche

Diese Folge dreht sich viel um Joyce und wie sich ihre Geschichte entfaltet und verformt, nach allen möglichen Ereignissen, die ihr zustoßen. Gedämpft hört sie den Ausführungen Hoppers über Will und den Leichenfund im Steinbruch zu doch nimmt diese nicht wirklich wahr. Das Wandern ihrer Augen zeigt dem Zuschauer, dass sie woanders ist. Durchgehend hält sie den Ballen Weihnachtslichter in der Hand und sagt, dass Hopper sie nicht versteht; sie hatte noch vor einer halben Stunden mit Will gesprochen. Mithilfe der Weihnachtslichter. Das Wandmonster, welches teils menschlich erschien, doch kein Gesicht hatte. In ihrem Kopf versucht sie, allem einen Sinn zu geben, was eigentlich verrückt erscheint. Sie überlegt verzweifelt was sie sagen könnte, damit man bzw. Hopper ihr Glauben schenkt. „Du musst mir glauben!“ fleht sie ihn an. Durch ihren Dialog miteinander und das Joyce so viel Wert darauf legt, dass Hopper ihr glaubt, während ihm soviel daran liegt, Joyce in ihrer Trauer aufzufangen (schließlich hat Hopper auch seine Tochter verloren) wird geschickt klargemacht, dass diese Beiden sich etwas bedeuten. Vielleicht waren sie früher ein Pärchen? Jedenfalls ist es auch diese starke Verbindung zu Joyce, die ihn hellhörig macht in Bezug auf Will und den (vermeintlichen) Leichenfund.

Noch vor dem Intro werden wir wieder Zeuge von Elevens Macht. Obwohl sie nicht viel spricht, kann sie mit Gesten und ihren Blicken, hinter denen so viel Trauma und auch Unsicherheit herrscht, Bände sprechen. Sie weiß, es reicht nicht mehr, mit ihren wenigen Worten, Mike von Wills Nichtableben zu überzeugen. Also kommt hier wieder das Nicken zur Verfilmung Steven Kings Feuerkind zum Vorschein: Das Nasenbluten als sie durch das Walkie Talkie Wills Stimme schleust und sein Gesang zu Should I stay or should I go leise durchklingt. Mike:„War, …war das…?“ Close-up auf Eleven: „Will.“

Stranger Things - S1 - Folge 4
© Netflix

Trotz des tragischen Themas des Verschwinden eines kleinen Jungen schafft es Stranger Things immer wieder auch lustige und herzerwärmende Szenen miteinzuarbeiten und dies mit Sicherheit auch, wie schon zuvor erwähnt, dank des authentischen kindlichen Dialoges und der Unbeschwertheit und Naivität in Widrigkeit der Umstände um einen eventuell toten Jungen und einem mordenden Monster. Lucas sagt per Walkie Talkie, ob Mike Wills Beerdigung geht, worauf dieser erwidert:„Vergiss die Beerdigung, Quatsch Beerdigung!“ Zu englisch „screw his funeral“ klingt das Gefluche allerdings nicht so harmlos wie die deutsche Version davon. Eine Hommage an Steven Spielbergs E. T. und ebenfalls humoristische Atempause ist das Verkleiden von El, wie damals der Außerirdische verkleidet wurde, damit sie unauffällig in die Schule gebracht werden kann. Natürlich kommt Mike ihr (mit Make up) am nahesten und die beiden tauschen verlegene Blicke aus. „Du siehst gut aus, ziemlich gut,“ stammelt Mike und Dustins Grinsen ist perfekt im Hintergrund platziert.

Sogar nachdem Joyce und ihr Sohn Wills Leiche zu Gesicht bekommen, möchte Joyce sachlich ein bestimmtes Muttermal gezeigt bekommen. Sie ist von ihrer Mission abermals nicht abzubringen und streitet lauthals mit dem verzweifelten Jonathan mitten auf der Straße der Kleinstadt und beteuert, das wäre nicht Will. „Ich werde finden und ich werde ihn nach Hause bringen!“

Stranger Things - S1 - Folge 4
© Netflix

Während alle Charaktere weiter ausgefleischt werden, wird ebenso das Monster vielschichtiger, wenn man es denn so nennen kann. Parallelen zur Bestie (wieder Steven Spielberg’esque) aus „Der weiße Hai“ fallen besonders auf. Das Monster ist ein Raubtier und Einzelgänger, es lebt und jagt in einem scheinbar endlosen dunklen Ozean, dem Upside down, wo die Menschen garantiert nichts zu melden haben und nur die Funktion der Beute haben. Es wittert und wird von auch nur einem einzigen Blutstropfen angezogen und genauso wie der weiße Hai die Eisenapparatur spielerisch aus dem Boot heraus reißt, durchtrennt das Monster im Off des Upside down unter Hawkins Laboratorium das cm-dicken-Eisendrahtgespann an dem ein Mitarbeiter Dr. Brenners gekettet war und nur der blutverschmierte Gurt kommt „an die Oberfläche zurück.“

Weitere erwähnenswerte und ausgezeichnete Momente in dieser Folge sind als liebenswürdiger Mike der Kragen platzt und er vor der ganzen Schule den Schultyrann Troy zur Rede stellt und sagt, dass es nicht in Ordnung ist während der Andacht über seinen verschwundenen Freund zu lachen. Bevor Troy nur einen Schritt in seine Richtung machen kann, verfällt er in eine Starre, die er El zu verdanken hat, welche ihn sich noch vollpinkeln lässt und sich dann lässig das Nasenbluten beim Weglaufen fortwischt.

Die Puzzleteile setzen sich allmählich zusammen, während auch Nancy das von Jonathan geschossene und zerrissene Foto wieder zusammen setzt und das Monster klar zu erkennen ist. Jonathan bestätigt danach ihr gegenüber die Aussage seiner Mutter über ein Monster ohne Gesicht und weiß endlich auch darum, dass seine Mutter nicht den Verstand verloren hat. Hopper setzt auch für sich seine Puzzleteile langsam zusammen und ihm fallen Ungereimtheiten auf in Bezug auf den Umgang mit Wills Leiche. An Hoppers Intelligenz und Einsatz für Will dürfte kein Zweifel mehr bestehen, nachdem er sogar vor einer Barschlägerei nicht zurückscheut und so herausfindet, dass jemand engagiert wurde, um Wills Leichenfund zu melden. Und diese Person auch Sorge zu tragen hatte, dass man sich der Leiche nicht zu sehr näherte. Die Jungs hören endlich auch was Mike am Anfang der Folge hörte: Wills Stimme und wie er mit seiner Mutter spricht. Diese wiederum sieht ihren Sohn in ihrer Wand, eine herzzerreißende Szene. Aus Lucas wird ein Gläubiger und glaubt endlich ohne Zweifel an Eleven.

Die letzten zwei Szenen haben es in sich. Endlich erfährt der Zuschauer zweifelsfrei, dass es nicht Wills Leiche ist, die beim Leichenbeschauer liegt. Hopper verschafft sich gewaltsam Zutritt zur Leiche (der Polizist der Wache hält liest gerade Cujo von Stephen King) und schneidet nach etwas Zögern in Wills Leiche hinein, worauf nach einer Nahaufnahme seines Gesichts Unmengen von Watte zum Vorschein kommen. Schnitt zur letzten Szene: Hopper fährt zum Hawkins Laboratorium und die Filmmusik findet ihren bedrohlichen Höhepunkt im Moment als er mit einer großen Zange an den Stahldrahtzaun ansetzt und dann in einer Nahaufnahme entschlossen durchschneidet. Traumhaft!

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