Die Verrückte auf der Maple Street

„Was ist mit deinen Haaren?“ „Hast du Krebs?“ „Können wir deine Eltern anrufen?“ „Bist du in etwas verwickelt?“ „Ich wette sie ist taub!“ (Handklatschen) „Oh, doch nicht!“ Hektisches kindliches Gebrabbel und Fragen über Fragen eröffnen die zweite Folge.

Man bemerkt sofort, das Mädchen mit der tätowierten 011 auf dem Arm, Eleven, kurz El, bzw. Elfi (…) ist ganz anders als die anderen Kinder. Nachdem Mike ihr trockene Kleidung bringt, will sie sich sofort und vor den pre-pubertären Jungs ausziehen, worauf diese in ein panisches Nein- und Oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gott-Geschreie verfallen. Hier wird dem Zuschauer klar vermittelt, wie fremd El den Jungs wirklich ist. Nicht, weil sie ihr nachts im Wald begegnet sind und ihr Vokabular anscheinend nur aus einer Hand voll Wörter besteht oder sie Angst hat, eingeschlossen zu werden, sondern weil sie ein Mädchen ist.

Währenddessen sehen wir, wie Joyce Hopper von dem mysteriösen Anruf erzählt, welcher ihr Telefon regelrecht gegrillt hat und von ihrer Überzeugung, dass ihr Sohn am anderen Ende der Leitung war.

In dieser Folge lernen wir Eleven besser kennen und verstehen, vor allem auch wie sie im Gegensatz zu den Jungs bisher gelebt und „aufgewachsen ist,“ in Ermangelung einer besseren Bezeichnung. Mike möchte nichts mehr, als sie seiner Mutter vorstellen, denn er sagt: „Sie weiß was zutun sein wird.“ Doch Eleven ist alles andere als überzeugt. In wenigen und eindringlichen Worten erfolgt der Dialog der beiden und Mike findet heraus, dass Eleven in großen Schwierigkeiten steckt und böse Menschen hinter ihr her sind, die dann auch hinter ihm und seiner Mutter sein würden. Eine Geste ihrer Hand, geformt zu einer Waffe, verheißt nichts Gutes.

Stranger Things – S1 – Folge 2
© Netflix

Mikes Schwester Nancy (Natalia Dyer), welche in dieser Folge auch mehr zu Wort kommt, repräsentiert hier mit ihrem bald festen Freund Steve Harrington (Joe Keery) und ihrer besten Freundin Barbara Barb Holland (Shannon Purser) die Teenager der Hawkins High School. Diese werden ebenso richtig gut und realistisch auf die Bildschirme gebracht wie die Kinder. Mit einer Party unter der Woche hat Streberin Nancy nicht viel am Hut, wofür sie von Steves Freunden Tommy H. (Chester Rushing) und Carol (Chelsea Talmadge) sogleich ausgelacht wird. Hingehen tut sie trotzdem. Perfekte Teenagerlogik bedingt durch Gruppenzwang!

Der erste Rückblick der Folge zeigt Jonathan und Will, wie er ihm „Should I stay or should I go“ vorspielt. Während die Eltern übers Telefon streiten und sich wieder ein mehr schlechter als rechter Vater vom Treffen mit seinem jüngsten Sohn drückt versucht Jonathan sein Bestes um Will zu trösten. Auch hier sieht man, dass leider viele Teenager mehr Ahnung und wertvolle Tipps für ihre Geschwister haben, als die oft verantwortungslosen Elternteile. Ein kurzer Besuch beim abwesenden Vater durch Jonathan verdeutlicht dem Zuschauer mit was für einem Rabenvater es Will leider zutun hatte.

Nach ein paar nostalgischen Gadgets wie dem kleinen Fernseher mit Antenne und einem Sessel zum Ausziehen und Füße ausstrecken bemerkt Eleven sofort das Bild mit Will darauf und Mike wird klar, dass sie etwas über sein Verschwinden weiß. Nachdem Mike sie notgedrungen in den Wandschrank einschließt, erfährt der Zuschauer über ihren Rückblick, dass sie schreiend in einen Raum eingeschlossen wurde, in dem sie dann verzweifelt nach „Papa“ schrie. Überhaupt dreht sich in dieser Folge viel um Türen, Eingänge, Ausgänge, verschlossene Wege und sogar Wände. In Stranger Things werden Türen abgeschlossen und die Monster finden nämlich trotzdem einen Weg hinein. Auch wenn Eleven sicher kein Monster ist, hat sie doch gewisse Fähigkeiten, welche die der Jungs übersteigen und sie eventuell auch gefährlich machen könnten. Als sie vor Lucas die Tür gleich zweimal zuschlagen lässt und aus der Nase blutet ist der Zuschauer genauso schockiert wie die Kinder.

Stranger Things – S1 – Folge 2
© Netflix

Ein wieder in guten Dialogen dargestelltes Geschehen ist die Party bei Steve allein zu Haus. Auch wenn Barb Nancy vorab im Auto ins Gebet nehmen möchte so zieht sich Nancy müde lächelnd einfach weiter um und flasht ihren neuen BH. (Mädchen und Frauen aller Altersklassen dürfte hier etwas bekannt gewesen sein.) Barbs Herz bricht ein wenig in den Freundschaftsgrenzen zu Nancy, als sie vom frommen Weg abkommt und sich entscheidet bei Steve zu übernachten, wobei glasklar ist, was passieren wird.

Gegen Ende der folge sammeln sich jene Momente, welche die Zuschauer noch weiter verfolgen. Als Eleven den Jungs das Upside Down erklärt und mithilfe der Figur des Demogorgon erklärt, dass Will sich dort befindet und sich vor genau diesem Monster versteckt, dürfte es dem Zuschauer eiskalt den Rücken herunter laufen. Ebenso nachdem Barb sich an einer Bierdose schneidet, ein Blutstropfen im beleuchteten Pool landet und das Lichtflackern wieder einsetzt und daraufhin das Poollicht ausfällt und Barb nicht mehr zu sehen ist.

Angebot

Die Duffer Brüder arbeiten alle Charaktere langsam heraus und verursachen in den Zuschauern eine Besorgnis über ihr Schicksal. Obwohl Will nicht oft gezeigt wurde, ist seine Performance so stark, dass jeder sich seine Rettung wünscht. Das ist es, dass Stranger Things von anderen Serien oder gar Monsterfilmen unterscheidet. Es dreht sich um die Menschen, nicht um das Monster. Sogar der wortkarge, aber brilliante Polizeichef ist Unterhaltung pur. Durch diese Folge zieht sich ebenso die Message des Clash Songs und könnte nicht passender platziert sein. Die allesumfassende Frage: „Should I stay or should I go?“ Eleven kämpft mit Sicherheit mit sich selbst und fragt sich, ob sie gehen oder bleiben sollte, genau wie Jonathan, welcher auf der Suche nach Hinweisen im Wald von Steves Party im Dunkeln Fotos schießt, doch am deutlichsten und wieder einmal heroischsten zeigt sich die Rolle der Mutter:

Nachdem sie am Telefon ganz deutlich ihren Sohn „Mama“ sagen hört begegnet sie dem Monster zum ersten Mal. Es durchbricht keine Tür, sondern kommt direkt durch die Wand in Wills Zimmer. In dieses hatte sie sich begeben, als sie den aufleuchtenden Lichtern folgte, die sie scheinbar in sein Zimmer führen wollten. Und als sie sich gerade in ihr Auto flüchtet und davon fahren will, ertönt wieder das Lied „Shoud I stay or should I go.“ Sie steigt aus dem Auto und begibt sich zurück in ihr Haus und schließt hinter sich die Tür.

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