Das Verschwinden des Will Byers

Ohne Umschweife stellt sich Stranger Things gleich zur Eröffnungssequenz in den dunklen Gängen des Hawkins Nationallaboratorium als dunkel und bedrohlich vor. Das flackernde Licht verbirgt die Gestalt, vor der ein aufgebrachter Wissenschaftler panisch wegrennt jedoch nicht, denn wir bekommen sie erst gar nicht einmal zu Gesicht.

Der Zuschauer wird (vielleicht in seine eigene) Kindheit zurück versetzt, als man zum ersten Mal Will (Noah Schnapp), Mike (Finn Wolfhard), Lucas (Caleb McLaughlin) und Dustin (Gaten Matarazzo) sieht. Sie spielen gerade schlappe 10 Stunden an einer Dungeons & Dragons Kampagne. Ein Soundeffekt ist perfekt platziert, als der Demogorgon auftaucht. Abrupt wird das Spiel (wie sollte es auch anders sein) von der Elternschaft, bzw. der Mutter unterbrochen und für beendet erklärt. Wie diese Kinder miteinander umgehen und ein warmes Gefühl der ach so einfachen und aufrichtigen Kindheitsfreundschaften aufleben lassen, ist schlicht und ergreifend bezaubernd und vor allem überzeugend. Mike bemerkt das nächste flackernde Licht an seinem Garageneingang, während er seine Freunde in die wieder dunkle Nacht auf ihren Fahrrädern verabschiedet.

Stranger Things - S1 - Folge 1
© Netflix

Wie beim ersten Treffen auf das bedrohliche Etwas sehen wir nur schwache Umrisse einer Gestalt. Auch als Will sich in sein Haus retten kann und dann doch in den Schuppen fliehen muss, ist der einzige Zeuge seines Verschwindens eine Glühbirne, welche vor Helligkeit fast zu bersten droht, bevor Will ins Nichts verschluckt wird und nur der leere Schuppen zurückbleibt.

Hier setzt das Intro mit 100% 80er Synthesizer Retrosounds ein, was nicht passender sein könnte.

Polizeichef Hopper (David Harbour) wird dem Zuschauer vorgestellt. Entweder er war betrunken oder nachts bis spät auf Tour oder beides, auf jeden Fall begrüßt er seine Kollegen im Polizeirevier in gemütlicher Manier, trotz Zuspätkommens und mit Zigarette im Mundwinkel. Joyce Byers (Winona Rider), Wills Mutter erwartet ihn schon in seinem Büro, nachdem sie zusammen mit ihrem älteren Sohn Jonathan (Charlie Heaton) realisiert, dass Will nicht nach Hause gekommen ist.

„Will ist nicht wie du, er ist nicht wie ich, er ist nicht wie die meisten.“ Obwohl Joyce beunruhigt und sichtlich aufgebracht über sein Verschwinden ist, hält sie (so wie Polizeichef Hopper) klar der Glaube an ein Missverständnis davon ab, durchzudrehen, denn Hawkins ist eine der typischen amerikanischen Kleinstädte, in denen niemanden je etwas zugestoßen ist oder generell etwas passiert.

Dr. Brenner (Matthew Modine), Wissenschaftler im Hawkins Laboratorium begibt sich zum unterirdischen Stockwerk des Laboratoriums und der Zuschauer erspäht wo das Böse hergekommen ist. Gleichzeitig sehen wir zum ersten Mal Eleven (Millie Bobby Brown), mit ihrem kahlgeschorenen Kopf und nackten Füßen in einem leichten Nachthemd.

Stranger Things - S1 - Folge 1
© Netflix

Sie stellt sich dem liebenswerten (Inhaber?) Benny Hammond (Chris Sullivan) eines typisch amerikanischen kleinen Diners als Eleven vor und findet bei ihm (leider nur vorübergehenden) Schutz. Nach der ersten halben Stunde der ersten Folge werden wir Zeuge ihrer telekinetischen Kraft, indem sie einen lauten Ventilator mit Kraft ihrer Gedanken zum Stoppen bringt. Stephen King-esque fantastisch!

Während der Polizeichef, der wohl doch ein aufgewecktes Kerlchen (Kraft der Duffer Brüder, Autoren und Regisseure) ist, mit Intelligenz scheinen darf, bleiben die weiblichen Charaktere zumindest in der ersten Folge etwas auf der Strecke. Er versetzt sich z. B. gekonnt in Will hinein, als er am Waldesrand sein Fahrrad entdeckt und schlussfolgert, dass kein Junge je sein Fahrrad einfach so liegen lassen würde und selbst wenn er nicht mehr fahren könnte, es humpelnd heimschieben würde. Er kommt auch darauf, dass Will es vor seinem Verschwinden wohl nach Hause schaffte. Joyce Byers ist am Ende der ersten Folge statt einer aufgebrachten Mutter einfach eine hysterisch aufgebrachte Mutter.

Stranger Things schafft es, sich gleich aus den Sichtweisen der Kinder zu etablieren und den Zuschauer in seine eigene Kindheit bzw. hier eine 80er Jahre Kindheit zurückzuversetzen. Während Mikes Eltern nicht riskieren wollen, die eigenen Kinder auch zu verlieren und ihm ganz selbstverständlich verbieten, nach einem seiner besten Freunde zu suchen, scheint er schlicht an den Erwachsenen zu verzweifeln. Der passive Vater am Esstisch ist leider vielen nun Erwachsenen aus der eigenen Kindheit geläufig. Sie werden sich an den teilnahmslosen Patriarchen genauso erinnern werden können, wie an die kraftvolle Mutter, die den Haushalt und die Familie aufmerksam und mit Hingabe leitete. „Ich bin der einzige, der sich hier normal verhält und der einzige, dem Will wichtig ist!“ schreit Mike voll Unverständnis. Natürlich begeben sich die Jungs trotzdem verbotenerweise auf die Suche nach ihrem Freund. Nach einem Gespräch über die größten Walkie Talkies aller Zeiten („Retro, over. Nostalgie, over and out“) zeigt sich wieder diese kindliche Unerschrockenheit und Zielstrebigkeit, für die Kinder so bewundernswert sind.

Dank des auf den Kindheitspunkt gebrachten Dialog zwischen den Kindern (wieder Stephen King-esque) mutet das Unternehmen der Jungs nie unrealistisch an. Lucas wirft noch ein paar besorgte Sprüche in die dunkle, regnerische Nacht hinein, während sie zur Waldstelle hin schreiten an welcher ihr Freund verschwand. Plötzlich hören sie gefährlich nahe Geräusche im Gestrüpp und die Folge endet mit ihrem Zusammentreffen auf Eleven.

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